Google DeepMind bringt Gemini Robotics 2 und steuert nun ganze Humanoiden
Google DeepMind hat am 30. Juli mit Gemini Robotics 2 eine Familie aus drei Modellen vorgestellt: ein Aktionsmodell für die Ganzkörpersteuerung, ein Planungsmodell und eine Variante für den Betrieb direkt auf dem Roboter. Das Planungsmodell ER 2 steht Entwicklern über die Gemini API und Google AI Studio offen, die Aktionsmodelle bleiben vorerst ausgewählten Partnern vorbehalten.
Google DeepMind weitet seine Robotikmodelle vom Greifarm auf den ganzen humanoiden Körper aus. Die Forschungseinheit des Alphabet-Konzerns stellte am 30. Juli 2026 die Modellfamilie Gemini Robotics 2 vor. Nach Angaben des Unternehmens steuert eine einzige Policy einen Humanoiden beim Gehen, Hocken, Greifen und Hantieren, und das Modell lässt sich mit wenigen Stunden Daten auf einen neuen zweiarmigen Roboter übertragen.
Die Familie besteht aus drei Modellen. Gemini Robotics 2 ist ein Vision-Language-Action-Modell (VLA), das Kamerabilder und Anweisungen in natürlicher Sprache in Motorbefehle für humanoide und zweiarmige Roboter übersetzt. Gemini Robotics ER 2 ist ein Modell für verkörpertes Schlussfolgern, das oberhalb der Aktionsebene plant und mehrere Roboter koordiniert. Gemini Robotics On-Device 2 ist ein verkleinertes VLA für den Betrieb auf dem Roboter selbst. Laut Modellkarte baut es auf der Technik von Gemini Robotics 1.5 und auf Gemma-Modellen für Endgeräte auf und wurde auf Googles TPU-Chips trainiert.
DeepMind veröffentlichte Erfolgsquoten je Aufgabe statt einer Gesamtnote. Auf dem Humanoiden Apollo 2 von Apptronik gelang das Greifen mit dem ganzen Körper in 68,4 Prozent der Versuche vom Tisch, in 45,7 Prozent vom Boden und in 76,3 Prozent aus dem Regal. Mit der SharpaWave-Hand mit 22 Freiheitsgraden schraubte Apollo eine Glühbirne in 92 Prozent der Fälle heraus, aber nur in 36 Prozent hinein. Einen Müllbeutel band der Roboter in 44 Prozent zu, mit der Kehrschaufel kam er auf 32 Prozent, mit dem Zippbeutel auf 40 Prozent. Auf einem Franka Duo mit Robotiq-Greifern erreichte das Modell 89,6 Prozent beim präzisen Fügen, 78,9 Prozent beim Kommissionieren unterschiedlicher Werkzeuge und 74,2 Prozent beim allgemeinen Pick-and-Place.
- Greifen vom Tisch
- Apptronik Apollo 2
- 68,4
- Greifen vom Boden
- Apptronik Apollo 2
- 45,7
- Greifen aus dem Regal
- Apptronik Apollo 2
- 76,3
- Glühbirne herausdrehen
- Apollo + SharpaWave-Hand
- 92
- Glühbirne eindrehen
- Apollo + SharpaWave-Hand
- 36
- Müllbeutel zubinden
- Apollo + SharpaWave-Hand
- 44
- Präzises Fügen
- Franka Duo
- 89,6
- Werkzeug-Kitting
- Franka Duo
- 78,9
- Pick-and-Place
- Franka Duo
- 74,2
Angaben von Google DeepMind vom 30. Juli 2026, Auswahl; keine Schätzungen.
Stand: 1. Okt. 2026
Das VLA soll mehrstufige Aufgaben über mehrere Minuten und Hunderte Einzelentscheidungen bewältigen. Für neue zweiarmige Roboter genügen nach Unternehmensangaben einige Stunden Anpassung und in der Regel weniger als 200 Beispiele; getestet wurde auf Plattformen von Dexmate, SO101 und Trossen. Die Modellkarte nennt für On-Device 2 nach verlängertem Training eine Erfolgsquote von 53,3 Prozent auf SO101 nach 6,7 Prozent bei der ersten Version, auf Dexmate 75,6 nach 33,3 Prozent.
- SO101
- 6,7
- 53,3
- Dexmate
- 33,3
- 75,6
Laut Modellkarte Gemini Robotics On-Device 2, nach verlängertem Training; veröffentlichte Werte.
Stand: 1. Okt. 2026
Für Entwickler sofort nutzbar ist nur ER 2. Google bietet das Modell über die Gemini API und Google AI Studio an, auf der Gemini Enterprise Agent Platform läuft eine geschlossene Vorschau, Beispielcode liegt auf GitHub. ER 2 bewertet den Arbeitsfortschritt anhand fortlaufender Videos statt einzelner Standbilder. Beim Einordnen von Videobildern in fünf Fortschrittsstufen erreichte es 57,4 Prozent Genauigkeit, beim Auffinden eines bestimmten Moments 91,3 Prozent bei einer mittleren Abweichung von 0,96 Sekunden. Es liest zehn Arten von Messinstrumenten von Digitalanzeigen bis zum Flüssigkeitsthermometer, ruft Werkzeuge wie die Google-Suche selbst auf und unterstützt Streaming über die Gemini Live API. Das VLA und das On-Device-Modell gibt es nur über ein Early-Access-Programm für Partner und eine Anmeldung als Testkunde.
Als Partner nennt DeepMind Apptronik, Boston Dynamics und Agile Robots. In den Vorführungen schickte ER 2 per Sprachbefehl einen Spot von Boston Dynamics los, um Gegenstände zu holen, und koordinierte Apollo 2 mit einem Franka-F3-Duo-Arm bei einer gemeinsamen Aufgabe. Apptronik, gegründet 2016, schloss nach eigenen Angaben am 11. Februar 2026 eine Erweiterung seiner Series A über 520 Millionen Dollar ab.
Für die europäische Industrie ist die Partnerliste aufschlussreich. Agile Robots steht als Partner in Googles Liste, Arme von Franka tauchen in den Vorführungen auf, während Neura Robotics, das am 10. Juni 2026 seine Series C bekanntgab, nicht genannt wird. Siemens wiederum gehört zu den Unternehmen, die nach NVIDIA-Angaben das am 20. Juli veröffentlichte Weltmodell Cosmos 3 Edge erproben. Europäische Maschinenbauer müssen sich damit zwischen einem Cloud-Planer von Google und offenen Gewichten entscheiden, die sich im eigenen Werk betreiben lassen.
Der Wettbewerb ist dicht. NVIDIA versah sein offenes Humanoidenmodell Isaac GR00T N1.7 im April mit einer kommerziellen Lizenz und stellte am 20. Juli Cosmos 3 Edge mit vier Milliarden Parametern auf Hugging Face. Skild AI präsentierte am 18. August sein Modell S1. Physical Intelligence, das im November 2025 eine Series B einsammelte, veröffentlicht seit seiner ersten Policy π0 im Oktober 2024 regelmäßig neue VLA-Arbeiten. DeepMind unterscheidet sich, indem es Planung und Ausführung in getrennte Modelle teilt und nur die Planungsebene als kostenpflichtigen Clouddienst anbietet.
Technisch erinnert die Aufteilung an Meister und Facharbeiter. ER 2 legt den nächsten Schritt fest, prüft den Fortschritt per Video und verweigert unsichere Werkzeugaufrufe. Das VLA setzt die Anweisung in Gelenkbewegungen um, mit Regelfrequenzen, die ein Cloudmodell nicht erreicht. Mit ASIMOV-Agentic führte DeepMind zudem einen Benchmark ein, der misst, ob der Planungsagent unsichere Aufrufe ablehnt und die Machbarkeit einer Aufgabe richtig einschätzt. ER 2 stoppt nach Unternehmensangaben einen Humanoiden, wenn sich ein Mensch nähert.
Offen bleiben Zuverlässigkeit und Zugang. Erfolgsquoten zwischen 32 und 92 Prozent bei feinmotorischen Haushaltsaufgaben sind Forschungswerte, keine Verfügbarkeitskennzahlen einer Fertigungslinie. Die Modellkarte von On-Device 2 räumt selbst Grenzen bei der Verallgemeinerung auf unbekannte Aufgaben und bei Robotern mit vielen Freiheitsgraden ein; Risiken mobiler Plattformen und der Ganzkörpersteuerung liegen ausdrücklich außerhalb des Einsatzbereichs. Preise für ER 2 und einen Termin für die allgemeine Verfügbarkeit der Aktionsmodelle nannte Google nicht.
ROBOTNESS-Analyse
Google will Gemini zur Planungsschicht machen, die jeder Roboterhersteller mietet, und hält die Motorsteuerung als Partnerprivileg zurück, um Bindung zu erzeugen.
Dafür spricht der Vertriebsweg. ER 2 liegt auf derselben API und in demselben AI Studio wie Googles allgemeine Gemini-Modelle, das VLA und das On-Device-Modell hinter einer Testkunden-Schranke. Über Apptronik, Boston Dynamics und Agile Robots verschafft sich Google Vorführungen auf Humanoiden, Laufrobotern und Industriearmen, ohne selbst Hardware zu bauen.
Das stärkste Gegenargument lautet, dass offene Modelle auf der Motorebene schneller vorankommen. NVIDIA liefert GR00T N1.7 mit kommerzieller Lizenz aus. Ein Hersteller, der seinen Software-Stack kontrollieren will, wird Gewichte bevorzugen, die er auf eigenen Servern feinjustieren kann. Für europäische Werke mit strengen Datenschutz- und Betriebsvorgaben wiegt dieser Punkt besonders schwer.
Bull Case: ER 2 wird zum Standardplaner gemischter Flotten, weil es Videoverständnis, Werkzeugaufrufe und Sicherheitsverweigerung bereits mitbringt. Hersteller zahlen je Aufruf wie heute für Sprachmodelle, und die Aktionsmodelle gehen mit Apptronik als Referenzhumanoid in den regulären Vertrieb.
Bear Case: Latenz, Netzanbindung und Datensouveränität halten Fabriken davon ab, Roboterentscheidungen in eine Cloud zu verlagern. Werte von 36 Prozent beim Eindrehen einer Glühbirne und 32 Prozent mit der Kehrschaufel zeigen, wie weit die Feinmotorik von der Serienreife entfernt ist, und Partner sichern sich mit offenen Modellen ab.
Signale, die wir beobachten:
- Ob Google bis Ende 2026 Preise für ER 2 oder einen Starttermin für das VLA von Gemini Robotics 2 veröffentlicht.
- Ob Apptronik kommerzielle Einsätze von Apollo 2 meldet, die Gemini Robotics als Steuerung nennen.
- Ob europäische Hersteller wie Agile Robots oder Franka eigene Ergebnisse mit Gemini Robotics 2 oder ASIMOV-Agentic veröffentlichen.
- 30. Juli 2026
- Gemini Robotics 2 (VLA), ER 2 (Planung), On-Device 2
- Tisch 68,4 %, Boden 45,7 %, Regal 76,3 %
- 92 % Glühbirne herausdrehen mit SharpaWave-Hand (22 Freiheitsgrade)
- Einige Stunden, meist unter 200 Beispiele
- Gemini API, Google AI Studio, Vorschau auf Gemini Enterprise Agent Platform
- Nur Early-Access-Partner und Testkunden
- Apptronik, Boston Dynamics, Agile Robots
Warum das wichtig ist
Mit Gemini Robotics 2 legt Google DeepMind Ganzkörperergebnisse einer gelernten Policy für Humanoiden vor und bietet sein Robotik-Planungsmodell über dieselbe API wie die allgemeinen Gemini-Modelle. Robotik wird damit von der Forschungsvorführung zu einer Produktlinie mit Entwicklerzugang.
Für Hersteller heißt das: Ein übergeordneter Planer mit Videoverständnis, Werkzeugaufrufen und Sicherheitsverweigerung lässt sich per Code einbinden, ohne ihn selbst zu entwickeln. Mittelständische Robotikfirmen ohne Budget für ein eigenes Planungsmodell können ER 2 an ihre bestehende Steuerung koppeln und ihr Geld in Hardware und Daten stecken.
Wettbewerbsanalyse
NVIDIA geht bei der Offenheit den umgekehrten Weg. GR00T N1.7 erscheint mit offenen Gewichten und einer Lizenz, die laut NVIDIA den Produktiveinsatz erlaubt, Cosmos 3 Edge läuft auf Jetson Thor. NVIDIA verdient an der Rechenhardware, Google an API-Aufrufen und Cloud.
Für Europa ist relevant, dass Siemens nach NVIDIA-Angaben Cosmos 3 Edge erprobt und Agile Robots sowohl Googles Partner als auch Gründungsmitglied der Cosmos-Koalition von NVIDIA ist. Europäische Anbieter spielen also auf beiden Seiten, statt sich festzulegen. Neura Robotics taucht in keiner der beiden Listen auf.
Bewertungskontext
Alphabet weist keine Umsätze der DeepMind-Robotik aus, eine direkte Bewertung ist daher nicht möglich. Aufschlussreicher ist das Kapital der Partner. Apptronik sammelte im Februar 2025 eine Series A über 350 Millionen Dollar ein und am 11. Februar 2026 eine Erweiterung über 520 Millionen Dollar.
Skild AI wurde in der Series C im Januar 2026 mit 14 Milliarden Dollar nach der Finanzierung bewertet, Figure AI im September 2025 mit 39 Milliarden Dollar. Das ist der private Marktpreis für ein Robotergehirn. Google konkurriert um diesen Wert über Softwaremargen statt über Beteiligungen an Hardwareherstellern.
Folgen für die Lieferkette
In den Vorführungen tauchen Apptronik Apollo 2, die SharpaWave-Hand mit 22 Freiheitsgraden, Inspire-Hände, Franka-Duo-Arme mit Robotiq-Greifern, Spot von Boston Dynamics sowie Plattformen von Dexmate, SO101 und Trossen auf. Am meisten profitieren dürften Handhersteller, denn bei Feinmotorikaufgaben streuen die Erfolgsquoten zwischen 92 und 32 Prozent am stärksten.
Trainiert wurde auf Google-TPUs; für das On-Device-Modell nennt Google keinen Zielchip. Für europäische Zulieferer von Getrieben, Antrieben und Greifern bleibt die Frage, ob sie über die Partnerhersteller in Googles Ökosystem gelangen.
Worauf jetzt zu achten ist
Erstens eine Preisseite für ER 2 in der Gemini API, die zeigt, ob Google Robotikplanung als Premiumprodukt oder als Einstiegsangebot versteht. Zweitens eine Ankündigung zur allgemeinen Verfügbarkeit des VLA von Gemini Robotics 2.
Drittens Kundenmeldungen von Apptronik oder Agile Robots, die Gemini Robotics nennen, sowie Produktnotizen von Boston Dynamics zu ER 2 auf Spot. Viertens Ergebnisse anderer Labore im ASIMOV-Agentic-Benchmark, die zeigen, ob Google den Sicherheitsmaßstab für verkörperte Agenten setzt.
Analystensicht
These: Google baut ein Cloudgeschäft für Roboterplanung auf, ER 2 ist der Türöffner. Zuversicht: mittel. API-Verfügbarkeit und Partnerliste sind auf Googles eigenen Seiten belegt und stützen die These. Höher fällt die Zuversicht nicht aus, weil Preise, Kundenzahlen und ein Zeitplan für die Aktionsmodelle fehlen.
Die Feinmotorikwerte mahnen zur Geduld. 36 Prozent beim Eindrehen einer Glühbirne sind ein ordentliches Forschungsergebnis, bestehen aber keine Werksabnahme. Wir erwarten, dass die Planungsebene deutlich früher Umsatz bringt als die Aktionsebene.
Offene Fragen
Gibt Google die Gewichte des VLA an Partner für den Betrieb im eigenen Werk heraus oder nur als gehosteten Dienst? Wird ER 2 je Videominute oder je Aufruf abgerechnet, und gibt es Flottenkonditionen?
Für welchen Chip ist On-Device 2 optimiert und welche Latenz erreicht es dort? Enthält die Partnerschaft mit Apptronik Exklusivität für humanoide Bauformen, und welche Rolle spielen Boston Dynamics und Agile Robots über die Vorführungen hinaus?
