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Forschung5 Min. LesezeitROBOTNESS-RedaktionVereinigte Staaten

Anthropic-Studie: Roboter könnten 74 Prozent der körperlichen Arbeit in den USA erledigen, rechnen sich aber nur bei 0,3 Prozent

Ökonomen von Anthropic haben rund 19.000 Tätigkeiten aus der US-Datenbank O*NET bewertet. Roboter können demnach technisch 74 Prozent der körperlichen Aufgaben ausführen, sind aber nur bei 0,3 Prozent aller Aufgaben günstiger als ein Mensch. Bei dem historischen Preisverfall von etwa 3 Prozent pro Jahr würde es 40 Jahre dauern, bis dieser Anteil 10 Prozent erreicht.

Anthropic-Studie: Roboter könnten 74 Prozent der körperlichen Arbeit in den USA erledigen, rechnen sich aber nur bei 0,3 Prozent (Illustration: ROBOTNESS)
Zusammenfassung

Der US-KI-Entwickler Anthropic hat am 30. September 2026 eine Studie vorgelegt, nach der Roboter bereits heute technisch in der Lage sind, 74 Prozent der körperlichen Tätigkeiten in der US-Wirtschaft auszuführen. Kostengünstiger als ein Mensch sind sie jedoch nur bei 0,3 Prozent aller Arbeitsaufgaben. Die Ökonomen Russell Legate-Yang und Maxim Massenkoff führen in dem Papier einen Roboter-Expositionsindex ein und kommen zu dem Schluss, dass vor allem die Kosten der Hardware das Tempo der Automatisierung bestimmen, weniger die Fähigkeiten der KI-Modelle.

Die körperlichen Aufgaben, die Roboter übernehmen können, stehen laut Studie für 34 Prozent der US-Arbeitsstunden. Zählt man Roboter und große Sprachmodelle zusammen, sind gemessen an der Arbeitszeit rund 80 Prozent aller Tätigkeiten einer der beiden Technologien ausgesetzt. Die Roboterpreise sind seit den 1990er-Jahren um etwa 3 Prozent pro Jahr gefallen, schreiben die Autoren. Hält dieser Trend an, dauert es 40 Jahre, bis Roboter bei 10 Prozent der Aufgaben wettbewerbsfähig sind.

Grundlage ist O*NET, die US-Berufsdatenbank mit rund 900 Berufen und rund 19.000 Tätigkeitsbeschreibungen. Anthropics Modell Claude bewertete, ob ein Roboter eine Aufgabe ausführen kann und in welcher Umgebung. Die Studie unterscheidet vier Stufen: E0, wenn kein Roboter die Aufgabe beherrscht; E1 für eigens gebaute Roboterumgebungen wie eine Montagelinie; E2 für strukturierte Arbeitsstätten wie ein Logistiklager; E3 für unstrukturierte Umgebungen wie eine Stadtstraße. Die Bewertungen wurden nach Arbeitszeit und Beschäftigung gewichtet. Anthropic hat die Begründungen und Quellen zu jeder Einstufung zusammen mit dem vollständigen Papier veröffentlicht.

Am stärksten exponiert sind Taxifahrer mit einem Indexwert von 2,2 auf der Dreipunkteskala, gefolgt von Shuttle- und Chauffeurfahrern mit 2,0, eine Folge der Fortschritte beim autonomen Fahren. Am nächsten an der Kostenparität liegen Verpacker. In den USA arbeiten nach der Studie rund 560.000 Menschen in diesem Beruf, die 97 Prozent ihrer Zeit mit robotertauglichen Aufgaben verbringen. Ein Beschäftigter kostet etwa 49.000 Dollar im Jahr, die Roboter zum Ersatz einer Person etwa 45.000 Dollar. Die Beschäftigung in dem Beruf ist seit 2015 bereits um 22 Prozent gesunken. Beim Schweißen sieht es anders aus: Roboter können schweißen, die Automatisierung des gesamten Berufsbilds würde nach Schätzung der Autoren aber etwa das Fünffache eines menschlichen Schweißers kosten.

Fehlende Fähigkeiten bleiben die größte Hürde und verhindern den Einsatz bei rund 70 Prozent der körperlichen Aufgaben. Regulierung würde Robotern 14 Prozent der körperlichen Tätigkeiten verbieten, bei etwa einem Viertel bremsen menschliche Präferenzen den Einsatz. Ein Rückblick über 50 Jahre seit 1977 zeigt, dass Berufe mit höherer Roboterexposition in den folgenden Jahrzehnten Lohn- und Beschäftigungsrückgänge verzeichneten. Pro Jahr kamen nach Schätzung der Autoren rund 2 Prozent der zuvor nicht automatisierbaren körperlichen Arbeit hinzu.

Die stark exponierten Beschäftigten unterscheiden sich deutlich vom Rest. Sie sind laut Studie um 20 Prozentpunkte seltener weiblich, um 16 Punkte häufiger hispanischer Herkunft und um 55 Punkte seltener Inhaber eines Bachelorabschlusses. Sie verdienen rund 30 Dollar weniger pro Stunde und sind mehr als doppelt so häufig arbeitslos. Roboter und Sprachmodelle treffen zudem unterschiedliche Arbeit. Bei Transport- und Umschlagstätigkeiten liegt die Exposition gegenüber Sprachmodellen allein unter 15 Prozent, mit Robotern bei rund 90 Prozent.

Die Ergebnisse stehen quer zu den Bewertungen am Kapitalmarkt. Figure AI sammelte in seiner Serie C eine Milliarde Dollar bei 39 Milliarden Dollar Post-Money-Bewertung ein, Skild AI im Januar 2026 1,4 Milliarden Dollar bei 14 Milliarden Dollar, wie die Unternehmen mitteilten. Walden Robotics, eine Ausgründung aus der Toyota-Forschung, startete im Juli mit einer Seed-Runde über 300 Millionen Dollar bei 1,1 Milliarden Dollar. Diese Bewertungen setzen voraus, dass Roboter binnen weniger Jahre in großem Umfang bezahlte Arbeit leisten. Anthropics Basisszenario sieht Kostenparität für einen nennenswerten Teil der Aufgaben erst in Jahrzehnten.

Für die deutsche Industrie ist die Unterscheidung zwischen den Stufen E1 und E2 entscheidend. Nach Angaben des Branchenverbands IFR steht ein großer Teil der in der EU installierten Industrieroboter in Deutschland, vor allem in Automobil- und Zulieferwerken, also in eigens gestalteten Roboterzellen. Das Wachstumsfeld liegt in Lagern, Intralogistik und Mittelstandsbetrieben mit kleineren Losgrößen, wo Integrationsaufwand und Stückkosten bislang gegen Roboter sprechen. Für Anbieter wie KUKA, Neura Robotics oder Universal Robots ist die Studie ein Hinweis darauf, dass Preis pro produktiver Stunde und Integrationszeit stärker zählen werden als neue Fähigkeiten in Demonstrationen.

Die Methode hat Grenzen, die die Autoren selbst benennen. Die O*NET-Beschreibungen sind knapp und können für Roboter wichtige Details auslassen, die Kostenschätzungen sind Näherungen. Dass ein Sprachmodell die Robotertauglichkeit bewertet, wirft Fragen nach der Konsistenz auf, die veröffentlichten Begründungen erlauben aber eine Prüfung jeder Einstufung. Der Preisrückgang von 3 Prozent pro Jahr ist ein historischer Durchschnitt. Ein schnellerer Preisverfall durch chinesische Serienfertigung würde den Zeitraum von 40 Jahren deutlich verkürzen.

Die nächsten Belege liefert der Markt. Vertragspreise für humanoide und mobile Manipulationsroboter im Jahr 2027, US-Beschäftigungsdaten für Verpacker, Lagerarbeiter und Fahrer sowie unabhängige Nachprüfungen anhand der veröffentlichten Bewertungen werden zeigen, ob sich der Wert von 0,3 Prozent schneller bewegt als in der Vergangenheit.

Anthropic-Roboterexpositionsindex: zentrale Kennzahlen
  • Technisch von Robotern ausführbare körperliche Aufgaben
    Wert
    74
    Einheit
    %
  • Anteil dieser Aufgaben an US-Arbeitsstunden
    Wert
    34
    Einheit
    %
  • Roboter oder Sprachmodellen ausgesetzte Aufgaben (nach Arbeitszeit)
    Wert
    80
    Einheit
    %
  • Aufgaben mit Kostenvorteil für Roboter
    Wert
    0,3
    Einheit
    %
  • Jahre bis 10 Prozent beim bisherigen Trend
    Wert
    40
    Einheit
    Jahre
  • Durch Fähigkeitslücken blockierte körperliche Aufgaben
    Wert
    70
    Einheit
    %
  • Durch Regulierung blockierte körperliche Aufgaben
    Wert
    14
    Einheit
    %
  • Beschäftigte Verpacker in den USA
    Wert
    560.000
    Einheit
    Personen
  • Roboterkosten zum Ersatz eines Verpackers
    Wert
    45.000
    Einheit
    USD pro Jahr
  • Jahreskosten eines Verpackers
    Wert
    49.000
    Einheit
    USD pro Jahr
  • Beschäftigungsveränderung bei Verpackern seit 2015
    Wert
    -22
    Einheit
    %

Alle Werte laut Anthropic-Papier vom 30. September 2026; Aufgabenanteile nach Arbeitszeit gewichtet. Ungefähre Werte wie veröffentlicht, keine ROBOTNESS-Schätzungen.

Stand: 1. Okt. 2026

ROBOTNESS-Analyse

Anthropics Index verlagert die Robotikdebatte von der Leistungsfähigkeit zur Stückkostenrechnung, und nach diesem Maßstab ist die Branche weit früher dran, als ihre Bewertungen nahelegen.

Der Beleg liegt in der Lücke zwischen zwei Zahlen aus demselben Datensatz. 74 Prozent der körperlichen Aufgaben sind technisch erreichbar, aber nur 0,3 Prozent sind billiger zu automatisieren als mit Personal zu erledigen. Verpacker, der einzige große Beruf nahe der Parität mit etwa 45.000 gegen 49.000 Dollar im Jahr, haben seit 2015 bereits 22 Prozent ihrer Stellen verloren. Sobald die Kosten kippen, folgt die Einführung offenbar rasch.

Das stärkste Gegenargument lautet, dass historische Preiskurven die kommenden Rückgänge unterschätzen. Industrieroboter waren Investitionsgüter in kleinen Stückzahlen. Humanoide und KI-gesteuerte Manipulatoren werden für Serienfertigung nach Automobilvorbild ausgelegt, und Foundation Models senken den Integrationsaufwand. Zusammen könnten diese Effekte den jährlichen Preisrückgang zeitweise auf 15 Prozent oder mehr treiben.

Positivszenario: Hardwarepreise fallen mit der Skalierung chinesischer und amerikanischer Hersteller kräftig, KI verkürzt die Integration von Monaten auf Tage, und der kostendeckende Aufgabenanteil steigt bis Anfang der 2030er-Jahre von 0,3 Prozent in den hohen einstelligen Bereich, beginnend mit Lager, Verpackung und Fahren. Die 40-Jahres-Schätzung wäre dann die letzte Prognose auf Basis der alten Kurve.

Negativszenario: Die Fähigkeitslücken bei rund 70 Prozent der körperlichen Aufgaben, vor allem bei geschickter Handhabung, erweisen sich als hartnäckig, Regulierung und Präferenzen sperren weitere Bereiche. Roboterhersteller verbrennen Kapital, während sie auf Nachfrage warten, und Unternehmen mit Bewertungen in zweistelliger Milliardenhöhe müssen Finanzierungsrunden zu niedrigeren Bewertungen hinnehmen.

Signale:

  • Viertes Quartal 2026: veröffentlichte Preise und Leasingraten für Humanoide in Lagerverträgen in den USA und Europa.
  • 2027: unabhängige Nachprüfung oder Kritik des Index auf Basis der von Anthropic veröffentlichten Bewertungen.
  • Frühjahr 2027: Beschäftigungsdaten des US Bureau of Labor Statistics für Verpacker, um zu prüfen, ob sich der Rückgang von 22 Prozent seit 2015 beschleunigt.
Eckdaten
Herausgeber
Anthropic, Ökonomieforschung
Veröffentlicht
30. September 2026
Autoren
Russell Legate-Yang, Maxim Massenkoff
Datengrundlage
O*NET, rund 19.000 Tätigkeiten in rund 900 Berufen
Von Robotern ausführbare körperliche Aufgaben
74 Prozent (34 Prozent der US-Arbeitsstunden)
Kostenwettbewerbsfähige Aufgaben
0,3 Prozent
Zeit bis 10 Prozent beim bisherigen Preistrend
40 Jahre (Preisrückgang etwa 3 Prozent pro Jahr)
Am stärksten exponierter Beruf
Taxifahrer, Index 2,2 von 3
Nächste an Kostenparität
Verpacker, Roboter rund 45.000 gegen Mensch rund 49.000 Dollar pro Jahr
Quellen
ROBOTNESS Intelligence
  1. 01

    Warum das wichtig ist

    Erstmals hat ein führendes KI-Labor auf Ebene einzelner Tätigkeiten quantifiziert, wie viel körperliche Arbeit Roboter heute leisten können und zu welchen Kosten, und die Bewertungen zur Prüfung offengelegt. Damit erhält eine Debatte, die bisher von Produktvorführungen geprägt war, ein gemeinsames Raster aus Einsatzumgebungen (E0 bis E3) und dem Anteil kostendeckender Aufgaben.

    Die Lücke zwischen 74 Prozent technischer Machbarkeit und 0,3 Prozent Kostenvorteil verschiebt den Engpass. Bislang galt die Intelligenz der Roboter als knappster Faktor. Anthropics Zahlen deuten darauf hin, dass bei einem großen Teil der Aufgaben die Gesamtkosten eines installierten Systems den Ausschlag geben.

  2. 02

    Wettbewerbsanalyse

    Studien zur Arbeitsmarkt-Exposition durch KI konzentrierten sich bisher auf Sprachmodelle, etwa Arbeiten von OpenAI und Hochschulen zur Exposition von Berufen gegenüber großen Sprachmodellen. Anthropic überträgt den Ansatz auf Roboter und kombiniert beide. Transport- und Umschlagstätigkeiten springen von unter 15 Prozent Exposition durch Sprachmodelle auf rund 90 Prozent, sobald Roboter einbezogen werden.

    Prognosen von Humanoid-Herstellern und Banken unterstellen meist schnelle Kostensenkungen. Die Wahl des historischen Preisrückgangs von 3 Prozent pro Jahr ist bewusst vorsichtig. Hersteller werden ihr künftig mit eigenen, offengelegten Kostendaten begegnen müssen.

  3. 03

    Bewertungskontext

    Die Bewertungen privater Robotikunternehmen setzen eine weit schnellere Verbreitung voraus als das Basisszenario. Figure AI wurde in der Serie C mit 39 Milliarden Dollar bewertet, Skild AI im Januar 2026 mit 14 Milliarden Dollar, Walden Robotics in der Seed-Runde mit 1,1 Milliarden Dollar. Keines dieser Unternehmen hat Stückkosten offengelegt, die mit dem Verpackungsbeispiel von 45.000 Dollar pro Jahr vergleichbar wären.

    Für Investoren folgt daraus, Kosten pro produktiver Stunde, Verfügbarkeit und Integrationsdauer einzufordern und mit dem Lohnniveau der Zielberufe abzugleichen. Anbieter für Verpackung, Materialfluss und Fahren liegen der Kostengrenze am nächsten.

  4. 04

    Folgen für die Lieferkette

    Wenn die Kosten der Engpass sind, verschiebt sich Wertschöpfung zu Zulieferern, die Systemkosten senken: Aktuatoren, Getriebe, Motoren, Batterien und Edge-Rechner sowie Integratoren, die Inbetriebnahmen verkürzen. Chinesische Komponentenhersteller, die die Stücklistenkosten von Humanoiden gedrückt haben, profitieren am stärksten. Für europäische Zulieferer wie Schaeffler oder Getriebespezialisten wächst der Preisdruck.

    Zudem steigt der Wert von Software, die Integrationsarbeit ersetzt. Senken Foundation Models die Kosten für das Einrichten neuer Aufgaben, gelingt der Schritt von der Fabrikzelle (E1) ins Lager (E2) auch ohne neue Hardwarebrüche.

  5. 05

    Worauf jetzt zu achten ist

    Zu beobachten sind veröffentlichte Preise für Humanoide und mobile Manipulatoren in kommerziellen Verträgen im vierten Quartal 2026 und 2027, die direkt in den Anteil kostendeckender Aufgaben einfließen. Ebenso wichtig sind unabhängige Nachprüfungen, vor allem ob Claudes Fähigkeitsbewertungen dem Urteil menschlicher Fachleute standhalten.

    Auf der Arbeitsmarktseite zeigen US-Beschäftigungsdaten für Verpacker, Lagerarbeiter und Fahrer im Jahr 2027, ob sich der Rückgang der Verpackerstellen um 22 Prozent seit 2015 beschleunigt.

  6. 06

    Analystensicht

    These: Der Index ist ein glaubwürdiger, vorsichtiger Ausgangspunkt, der das Tempo des Kostenrückgangs in den nächsten fünf Jahren eher unter- als überschätzt, die Kosten aber richtig als Hauptengpass identifiziert. Zuversicht: mittel.

    Gründe für mittlere statt hoher Zuversicht sind die Bewertung durch ein Sprachmodell auf Basis knapper Tätigkeitsbeschreibungen, die nach Angaben der Autoren nur ungefähren Kostenschätzungen und die Unsicherheit, ob der Trend von 3 Prozent bei steigenden Humanoid-Stückzahlen hält. Der Rückblick seit 1977 und der bereits eingetretene Rückgang bei Verpackern um 22 Prozent stützen die Richtung des Ansatzes.

  7. 07

    Offene Fragen

    Wie empfindlich reagiert der Wert von 0,3 Prozent auf einen schnelleren Preisrückgang von 10 bis 15 Prozent pro Jahr über fünf Jahre? Welche Berufe überschreiten dann zuerst die Parität?

    Wie gut stimmen Claudes Bewertungen mit Expertenurteilen überein, und wie oft ändern sich Einstufungen zwischen E1, E2 und E3 bei genaueren Tätigkeitsbeschreibungen? Wird Anthropic den Index jährlich aktualisieren, damit die Branche den kostendeckenden Anteil verfolgen kann?